Rella Steiner (28.4.1923 – 16.7.2013)

Am 16. Juli 2013 starb in Wien im Alter von 90 Jahren unser Mitglied Rella Steiner.

Rella Steiner wurde als Tochter von Abraham und Gitta Adlersberg – beide stammten ursprünglich aus der Gegend von Stanislau (heute Iwano-Frankiwsk, Ukraine) – am 28. April 1923 in Wien geboren. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft musste die Gymnasiastin im Jänner 1939 mit einem Kindertransport nach England flüchten.

Rella Steiner (2007)
Rella Steiner (2007)

Ihre Mutter, die im Sommer desselben Jahres ebenfalls nach England gelangen konnte, starb bald nach der Ankunft. Ihr Vater konnte sich nach Shanghai retten und kehrte nach der Befreiung 1945 nach Wien zurück.

Im englischen Exil lernte Rella Adlersberg ihren späteren Ehemann Herbert Steiner kennen, der 1938 aus Wien geflohen war – seine Eltern sollten später im Zuge der Shoah von den Nationalsozialisten ermordet werden. Herbert Steiner (1923 – 2001), der ab Ende der 1950er Jahre im KZ-Verband Dokumente zu Widerstand und Verfolgung sammelte, wurde 1963 zum Mitbegründer und ersten wissenschaftlichen Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes.

Ella Kampel (4.10.1922 – 1.4.2013)

Am 1. April starb im 91. Lebensjahr Angela (Ella) Kampel, geb. Bieder. Schon als Siebenjährige bei den Roten Falken aktiv, war 1937 – als noch nicht 15-Jährige – dem illegalen Kommunistischen Jugendverband beigetreten, mit dem sie bereits vorher, wie sie später sagte, „verbandelt“ war: Beeindruckt vom Auftritt des bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitroff beim Leipziger Reichstragsbrand-Prozess, hatte sie sich einer Gruppe junger Pioniere (wie die kommunistische Kinderorganisation genannt wurde) mit der Bezeichnung „Stoßtrupp Dimitroff“ angeschlossen.

Ella arbeitete in der Werkzeugfabrik „Blau“ in der Hellwagstraße im 20. Bezirk, wo auch die 1943 hingerichteten Widerstandkämpfer Josef Baldrmann und Walter Schopf aktiv waren; sie beteiligte sich an der Verbreitung von Flugblättern im Betrieb. Sie wurde 1942 verhaftet. Am 14.10.1943 stand sie, mit anderen FunktionärInnen des KJV, vor dem Volksgerichtshof, der fünf Angeklagte zum Tode, einen zu zehn und eine (Angela Bieder, damals schon verheiratete Kampel) zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilte. Den Großteil ihrer Strafe saß sie (ab Dezember 1943), im Kloster Jauer/Jawor bei Breslau ab, das in ein Zuchthaus umgewandelt worden war. Später kam auch eine enge Freundin von ihr, Anni Aschenbrenner, deren Todesurteil gnadenhalber in eine achtjährige Zuchthausstrafe umgewandelt worden war, nach. Gemeinsam mit der dritten Österreicherin in Jauer, Hansi Polak, die zehn Tage vor ihr zum Tode verurteilt und, wie Aschenbrenner, zu acht Jahren Zuchthaus begnadigt worden war, flüchtete Ella Kampel Ende 1944, während des Evakuierungstransports, und kehrten in das Kloster Jauer zurück, wo die kranken Häftlinge zurückgelassen worden waren. Im Jänner 1945 wurde Jauer/Jawor von der Roten Armee befreit. Da eine Rückkehr nach Österreich noch nicht möglich war, schloss sich Ella Kampel einer Einheit der Roten Armee an. In einem Interview mit Charlotte Rombach erzählte sie: „Wir […] fuhren mit ihnen durch Deutschland, u.a. nach Dresden, das damals schon total zerbombt war. Dort habe ich […] einen Aufruf zur Kapitulation an die deutschen Soldaten, die im Südosten (Bulgarien) noch

Ella Kampel (Foto: Charlotte Rombach)
Ella Kampel (Foto: Charlotte Rombach)

versprengt waren, auf der Schreibmaschien geschrieben. Am 9. Mai haben wir mit den Rotarmisten den Sieg über die Faschisten gefeiert. Wir hatten Glück, diese Abteilung ist im Juni 1945 nach Wien versetzt worden.“ („Widerstand und Befreiung 1934-1945“, 4. Aufl., Wien 2011)

Angela Kampel war es ein großes Anliegen, dazu beizutragen, dass ihre hingerichteten Arbeitskollegen Schopf und Baldrmann nicht vergessen werden, an die im 20. Bezirk (u.a. im Gerlhof) Gedenktafeln erinnern. Die Umbenennung des Gemeindebaues, in dem sie bis zu ihrem Tod gelebt hatte, in „Josef-Baldermann-Hof“ hat sie nicht mehr erlebt.

1947: Kinderverschickung nach Norwegen – Wiedersehen nach 50 Jahren

Matousek Josef 2013Bei der ersten Mittwochveranstaltung desAndersch Josef 2013 KZ-Landesverbandes Wien nach der Sommerpause erzählten Josef Andersch (Bild rechts) und Josef Matoušek aus ihren Erinnerungen über den Aufenthalt in Norwegen von Juli 1947 bis März 1948. Beide sind Kinder von Vätern, die im Kampf gegen den Nazifaschismus ermordet wurden. Der Vater von Josef Andersch ist im Wiener Landesgericht geköpft worden, der Vater von Josef Matoušek, der als Soldat zur Roten Armee übergelaufen war, ist als „Fallschirmspringer“ Anfang 1945 nach Österreich gekommen und von der Gestapo erschossen worden.

Die Situation nach 1945 war für die österreichische Bevölkerung schwierig, am meisten haben darunter die Kinder gelitten. 1947 wurden zahlreiche Kinder von unterschiedlichsten Organisationen ausgewählt – so auch vom KZ-Verband – und, wie in diesem Fall, auf längere Zeit nach Norwegen, aber auch in andere vom Krieg nicht stark betroffene Staaten, zu Pflegeeltern geschickt. So erzählte an diesem Abend Lisl Hedrich, dass sie im selben Sommer zu einer Pflegemutter nach Belgien kam.

Beide, Josef Andersch und Josef Matoušek, erinnerten sich, dass ein langer Sonderzug (mit Holzbänken!) die Kindern, die von der Burgschauspielerin Maria Eis verabschiedet wurden vorerst von Wien in Richtung Basel verließ.

Dort waren in einer Halle zahlreiche Stockbetten aufgestellt, in denen die Kinder nächtigten. Am nächsten Tag besuchten sie noch den Basler Zoo, wurden mit Schokoladetaler verwöhnt, und die ältere Wiener Kinder kamen drauf, dass man auch mit einer bestimmten Münze aus Österreich aus dem Schokoladeautomaten in Basel die begehrte Süßigkeiten bekommen konnte. Die weitere Fahrt führte sie durch das zerstörte Deutschland, was beiden deutlich in Erinnerung blieb, über Dänemark nach Helsingborg in Schweden. In der Hauptstadt Norwegens in Oslo wurden die Kinder aufgeteilt: einige kamen sofort zu Pflegeeltern, 14 österreichische Kinder setzt aber die Bahnreise nach Norden bis nach Oppdal fort, das an der Strecke nach Trondheim liegt. Von hier erreichten sie nach einer abenteuerlichen Busfahrt die kleine Stadt Kristiansund, die sich auf vier kleinen Inseln ausbreitet.

Den Sommer verbrachten sie in einem Kinderheim mitten im Wald, wo man für sie auch eine Schule organisierte, sodass sie recht schnell norwegisch sprachen und auch sonst Unterricht bekamen. Der für zwei Monate geplante Ferienaufenthalt wurde verlängert und auch die Kinder aus dem Ferienlager kamen zu Gastfamilien in Kristiansund. Bis Ende März 1948 blieben sie dort und so war es verständlich, dass einige Kleine, als sie in Wien aus dem Zug stiegen Schwierigkeiten hatten zuerst ihre Eltern zu verstehen – Norwegisch war „ihre Sprache“ geworden.

Der unmittelbare Lebensweg der beiden Erzähler verlief in den folgenden Jahren parallel, weil beide die Pflichtschule absolvierten und bei Austrofiat in Wien Floridsdorf einen Beruf erlernten. Auch waren sie im betriebseigenen FÖJ-Chor Mitglieder.

Bald trennten sich ihre Wege. Matoušek fuhr wieder nach Norwegen, wo er auf einem Schiff anheuerte und sieben Jahre über die Meer fuhr, Andersch blieb in Wien bei seiner FirmaKZV Andersch Matousek 2013.

Erst an diesem Mittwoch, nach mehr als 50 Jahren, standen sie sich wieder gegenüber, zeigten uns einen alten Zeitungsausschnitt einer norwegischen Lokalzeitung, der über den Aufenthalt der österreichischen Kinder in Kristiansund berichtete, und Fotos, auf denen die beiden im FÖJ-Chor von Austro-Fiat zu sehen waren.

Andersch ist nach seiner Rückkehr noch im April 1948 dem KZ-Verband beigetreten. Sein erste Mitgliedsbuch brachte er zur Veranstaltung mit.