!No pasarán! bleibt aktuell

Spanisches Gericht ordnet Schleifung eines Denkmals für die Internationalen Brigaden auf dem Gelände der Madrider Universität an. Weltweit regt sich Protest

Von Carmela Negrete und Peter Rau

Spanien Tafel Uni  6_2013

Gerade einmal einen halben Quadratmeter besetzt das Denkmal für die Internationalen Brigaden im Garten der Universidad Complutense in Madrid (UCM), genau dort, wo einst, im November 1936, Freiwillige aus vielen Ländern die spanische Republik gegen die anrückenden Truppen Francos verteidigten. Nach dem Urteil eines Verwaltungsgerichts der spanischen Hauptstadt wurde die Aufstellung des Mahnmals für »illegal« erklärt, da keine »Baugenehmigung« vorliegen würde. Demnach soll die Universität das Denkmal nun innerhalb von zwei Monaten abreißen lassen.

Anders als von den hinter diesen Angriffen stehenden Rechtskräften behauptet, entstand diese Erinnerungsstätte nicht aus Mitteln der Universität, sondern wurde aus Spenden von in aller Welt tätigen Freunden der Interbrigaden finanziert. Die schlichte Stele trägt den Ausspruch von Dolores Ibarruri, der legendären »Pasionara«, die als Repräsentantin der Kommunistischen Partei des Landes und Präsidentin der Cortes namens der spanischen Volksfront zum Abschied der Brigaden im Oktober 1938 ausrief: »Ihr seid die Geschichte, ihr seid die Legende, ihr seid das heroische Beispiel der Solidarität und der Universalität der Demokratie«.

Der spanischen Rechten, die bis heute Franco und der faschistischen Diktatur treu ergeben ist, war diese Stätte der Erinnerung seit ihrer Einweihung im Oktober 2011 ein Ärgernis. Folglich wurde Strafanzeige gestellt. »Was aber entscheidend ist, daß die Gerichte, anstatt nach einer juristischen Lösung für den Erhalt des Mahnmals zu suchen, die Klage zugelassen haben«, hieß es dazu bei der »Asociación de amigos de las Brigadas Internacionales« (AABI), der spanischen Vereinigung der Freunde der Internationalen Brigaden. Ihr ist es zu verdanken daß das Denkmal mit Zustimmung der Universitätsleitung aufgestellt worden war. »Auf dem Campus gibt es mehrere Denkmäler, die ohne Baugenehmigung errichtet wurden. Niemand hat bisher gegen diese Praxis geklagt.« Die AABI hat vom zuständigen Amt inzwischen mehrmals eine Baugenehmigung eingefordert, ohne jemals eine Reaktion zu erhalten.

Am 15. Juni dieses Jahres demonstrierten Freunde des Mahnmals gegen dessen Schleifung. An der Kundgebung nahmen neben Mitgliedern der AABI auch Vertreter der Universität, darunter der Rektor, teil. Araceli Manjon Cabeza, Generalsekretärin der Universität, sagte gegenüber jW, daß andere Denkmäler sowie Gebäude wie Hotelanlagen heute noch stünden, obwohl sie ohne Baugenehmigung errichtet wurden. UCM-Rektor José Carrillo kündigte dabei an, das Denkmal zu verteidigen: »Wir werden weiter die juristische Auseinandersetzung suchen, und ja, ich denke, daß wir am Ende gewinnen werden.«

Im Januar 2013 erinnerte der Vorsitzende des deutschen Vereins »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936–1939« (KFSR), Harald Wittstock, in einer Protesterklärung an die zuständigen Behörden in Madrid daran, daß »in vielen Ländern … die Aufstellung und Pflege von Denkmälern zur Erinnerung an den opferreichen Kampf des spanischen Volkes und ihrer antifaschistischen Mitstreiter aus 53 Ländern der Erde eine Normalität« sei. »Ein Vorgehen gegen das Denkmal wäre ein fatales Zeichen gegen die Demokratie und die Aufarbeitung der Geschichte.« Namens des KFSR wurde von den Verantwortlichen in Spanien gefordert, »alles dafür zu tun, daß dem Ansehen der Kämpfer, die für die Verteidigung Madrids ihr Leben einsetzten und auch verloren, durch ein Vorgehen gegen das Denkmal auf dem Gelände der Madrider Universität kein Schaden entsteht«.

Wittstock, der gemeinsam mit ehemaligen Interbrigadisten und anderen KFSR-Mitgliedern am 22. Oktober 2011 an der Einweihung des Denkmals teilgenommen hatte, hat sich mittlerweile auch an den Botschafter des Königreiches Spanien in der Bundesrepublik, Pablo Garcia-Berdoy, gewandt. In seinem Schreiben vom 7. Juni bekräftigt er die auch international vielfach artikulierte Hoffnung, »daß die Entscheidung zum Abriß des Denkmals nicht umgesetzt wird und das Andenken an die Kämpfer für Demokratie und Frieden und gegen den europäischen Faschismus so auch in Madrid erhalten bleibt«.

Inzwischen haben sich den Protesten neben dem KFSR auch die Veteranenorganisationen aus Großbritannien, den USA, Frankreich, Rußland und anderen Ländern angeschlossen. Für den britischen »International Brigade Memorial Trust« unterzeichneten zum Beispiel deren Generalsekretär Jim Jump, der frühere Londoner Bürgermeister Ken Livingstone und der bekannte Historiker Paul Preston ein entsprechendes Schreiben. Weltweit signierten bereits mehr als 13000 Menschen eine diesbezügliche Petition der AABI. Die Losung der Brigadisten von einst gilt auch heute: »No pasarán« – sie kommen nicht durch!

Petition unter: bit.ly/brigadas

Aus: junge welt, 26.6.2013

Helga Luhan: Wolfi Pogner – ein Freund der Familie

Luhan Helga 1b klein  2013_05_29Helga Luhan, die mit ihren Eltern in Wien-Döbling lebte, ging in die Unterstufe der Mittelschule, als Österreich von Nazideutschland annektiert wurde. Ihr Vater, der von den NS-Rassegesetzen bedroht wurde, bemühte sich um eine Genehmigung nach Australien auswandern zu können. Die bekam er auch, doch als die Familie alles gepackt hatte, und am 1. September das Visum erhalten hatte, begann der Krieg und kein Schiff fuhr mehr ab. Obwohl sie die Absicht hatten, dem Vater nach Australien zu folgen, sobald dieser dort Fuß gefasst hatte, blieb es bei dieser Absicht und beide lebten weiter in Wien. Aus der Wohnung in Döbling mussten sie ausziehen – auch sie wurde arisiert – fanden aber Unterschlupf bei einem Bekannten, bei dem sie bis zum Kriegsende wohnen konnten. Dem Mädchen Helga Luhan, die von der Nazigesetzgebung zur Halbjüdin gemacht wurde, war der Besuch der Mittelschule untersagt, und so schaute ihre Mutter, dass sie ihr auf anderem Weg jene Dinge lehren konnte, die sie für wichtig hielt.

Frau Luhan erzählte bei ihrem Besuch im KZ-Verband Wien auch von der Bekanntschaft zur Familie des später hingerichteten Wolfgang Pogner, mit dem sie befreundet war. Der junge Chemiker, der damals in einer Wiener Lackfabrikarbeitete, schrieb antinazistische Streuzettel. Sein Verhängnis war, dass er einmal bei einem Bäcker seine Brieftasche liegen gelassen hatte, worin sich diese Streuzettel befanden. Vom Bäckerwurde er denunziert und wenig später von der Gestapo verhaftet. „An die Wiener Arbeiter und Arbeiterinnen! – Nieder mit den nazistischen Blutsäufern!“ lautete einer dieser Streuzettel der vom Volksgerichtshof als „Vorbereitung zum Hochverrat“ gewertet wurde. Wolfi Pogner wurde zum Tode verurteilt und am 5. Dezember 1944 – zwei Wochen vor seinem 21. Geburtstag – im Wiener Landesgericht geköpft.

Willi Weinert, der das Gespräch mit Frau Luhan führte, zitierte auch einige Passagen aus dem Tagebuch, das Helga Luhan 1944 zu führen begonnen hatte, um so ihrem Vater später etwas über das Leben in Wien mitteilen zu können. Sehr akribisch hielt sie Dinge fest, die für sie damals wichtig waren. Aussagekräftig auch ihre Schilderungen über das Kriegsende in Wien und die Befreiung durch die Rote Armee, über die Schwierigkeiten des Lebens in Wien nach 1945 und ihren Aktivitäten bei der FÖJ.

Nach dem Krieg konnte sie die Matura nachholen und ein Dolmetschstudium absolvieren. Die beiden Sprachen Französisch und Russisch prägten ihr weiteres Leben. Als Dolmetscherin in einem USIA-Betrieb vertiefte sie ihre Beziehungen zur Sowjetunion, die – mit allen Höhen und Tiefen – bis in die Jetztzeit für sie eine große Rolle spielen.