1947: Kinderverschickung nach Norwegen – Wiedersehen nach 50 Jahren

Matousek Josef 2013Bei der ersten Mittwochveranstaltung desAndersch Josef 2013 KZ-Landesverbandes Wien nach der Sommerpause erzählten Josef Andersch (Bild rechts) und Josef Matoušek aus ihren Erinnerungen über den Aufenthalt in Norwegen von Juli 1947 bis März 1948. Beide sind Kinder von Vätern, die im Kampf gegen den Nazifaschismus ermordet wurden. Der Vater von Josef Andersch ist im Wiener Landesgericht geköpft worden, der Vater von Josef Matoušek, der als Soldat zur Roten Armee übergelaufen war, ist als „Fallschirmspringer“ Anfang 1945 nach Österreich gekommen und von der Gestapo erschossen worden.

Die Situation nach 1945 war für die österreichische Bevölkerung schwierig, am meisten haben darunter die Kinder gelitten. 1947 wurden zahlreiche Kinder von unterschiedlichsten Organisationen ausgewählt – so auch vom KZ-Verband – und, wie in diesem Fall, auf längere Zeit nach Norwegen, aber auch in andere vom Krieg nicht stark betroffene Staaten, zu Pflegeeltern geschickt. So erzählte an diesem Abend Lisl Hedrich, dass sie im selben Sommer zu einer Pflegemutter nach Belgien kam.

Beide, Josef Andersch und Josef Matoušek, erinnerten sich, dass ein langer Sonderzug (mit Holzbänken!) die Kindern, die von der Burgschauspielerin Maria Eis verabschiedet wurden vorerst von Wien in Richtung Basel verließ.

Dort waren in einer Halle zahlreiche Stockbetten aufgestellt, in denen die Kinder nächtigten. Am nächsten Tag besuchten sie noch den Basler Zoo, wurden mit Schokoladetaler verwöhnt, und die ältere Wiener Kinder kamen drauf, dass man auch mit einer bestimmten Münze aus Österreich aus dem Schokoladeautomaten in Basel die begehrte Süßigkeiten bekommen konnte. Die weitere Fahrt führte sie durch das zerstörte Deutschland, was beiden deutlich in Erinnerung blieb, über Dänemark nach Helsingborg in Schweden. In der Hauptstadt Norwegens in Oslo wurden die Kinder aufgeteilt: einige kamen sofort zu Pflegeeltern, 14 österreichische Kinder setzt aber die Bahnreise nach Norden bis nach Oppdal fort, das an der Strecke nach Trondheim liegt. Von hier erreichten sie nach einer abenteuerlichen Busfahrt die kleine Stadt Kristiansund, die sich auf vier kleinen Inseln ausbreitet.

Den Sommer verbrachten sie in einem Kinderheim mitten im Wald, wo man für sie auch eine Schule organisierte, sodass sie recht schnell norwegisch sprachen und auch sonst Unterricht bekamen. Der für zwei Monate geplante Ferienaufenthalt wurde verlängert und auch die Kinder aus dem Ferienlager kamen zu Gastfamilien in Kristiansund. Bis Ende März 1948 blieben sie dort und so war es verständlich, dass einige Kleine, als sie in Wien aus dem Zug stiegen Schwierigkeiten hatten zuerst ihre Eltern zu verstehen – Norwegisch war „ihre Sprache“ geworden.

Der unmittelbare Lebensweg der beiden Erzähler verlief in den folgenden Jahren parallel, weil beide die Pflichtschule absolvierten und bei Austrofiat in Wien Floridsdorf einen Beruf erlernten. Auch waren sie im betriebseigenen FÖJ-Chor Mitglieder.

Bald trennten sich ihre Wege. Matoušek fuhr wieder nach Norwegen, wo er auf einem Schiff anheuerte und sieben Jahre über die Meer fuhr, Andersch blieb in Wien bei seiner FirmaKZV Andersch Matousek 2013.

Erst an diesem Mittwoch, nach mehr als 50 Jahren, standen sie sich wieder gegenüber, zeigten uns einen alten Zeitungsausschnitt einer norwegischen Lokalzeitung, der über den Aufenthalt der österreichischen Kinder in Kristiansund berichtete, und Fotos, auf denen die beiden im FÖJ-Chor von Austro-Fiat zu sehen waren.

Andersch ist nach seiner Rückkehr noch im April 1948 dem KZ-Verband beigetreten. Sein erste Mitgliedsbuch brachte er zur Veranstaltung mit.

Gemeindebau nach Josef Baldrmann benannt

Aufgrund eines einstimmigen Vorschlags der Bezirksvertretung Wien-Brigittenau wurde der Gemeindebau in der Pasettistraße 9-21 „Josef-Baldermann-Hof“ benannt. An der feierlichen Namensgebung am 17. September 2013 beteiligte sich auch der Wiener KZ-Verband, der dort ein Informationsblatt zu Josef Baldrmann verteilte.

Die Redner auf der gut besuchten Veranstaltung waren Wohnbaustadtrat Michael Ludwig namens der Gemeinde Wien, Bezirksvorsteher Hannes Derfler namens des 20. Bezirks, Hannes Schwantner namens der Arbeitsgemeinschaft der Opferverbände und Kurt Cizek namens der Sozialdemokratischen Freiheitskämpfer/innen Wien-Brigittenau, der auch auf den politischen Lebensweg von Josef Baldrmann einging. Im Anschluss daran verlas der Schauspieler und Regisseur Peter Lodynski Passagen aus dem Urteil des nationalsozialistischen Volksgerichtshofs, den letzten Brief Baldrmanns sowie das Hinrichtungsprotokoll vom 2. März 1943. Josef Baldrmann jun. dankte abschließend für die Ehrung seine Vaters.

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Veranstaltung im Josef-Baldrmann- Hof am 17. Sept. 2013: Es sang der Erste Wiener Gemeindebauchor

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Kurt Cizek, Obmann der Sozialdemokrati- schen Freiheits- kämpfer/innen im 20. Bezirk

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Josef Baldrmann jun., Sohn des Hingerichteten

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Stadtrat Ludwig und Bezirksvor- steher Derfler ent- hüllten die Tafel, links Josef Baldr- mann jun.

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Transparent des Wiener KZ-Verbands vor dem Josef-Baldrmann-Hof

(Die Namensschreibung „Baldermann“ findet sich auf einer Karteikarte der Gestapo und auf einem vor-ausgefüllten Briefpapier des KZ Groß-Rosen. Die korrekte Namensform, die auch in allen Gerichtsdokumenten verwendet wird, ist Baldrmann.)